Nach fast 150 Jahren endet die Geschichte der Unternehmensgruppe Tullau Pappen als produzierender Betrieb. Die Papierfabrik Karl Kurz in Rosengarten-Tullau (Baden-Württemberg) und die Pappenfabrik Trauchgau in Halblech (Bayern) haben ihre Produktion am 27. Oktober 2026 endgültig eingestellt. Rund 90 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Wie der SWR berichtet, scheiterten die Sanierungsbemühungen nach Angaben des Insolvenzverwalters insbesondere an offenen Verpflichtungen aus dem CO₂-Emissionshandel.
Die beiden Unternehmen hatten Anfang September beim Amtsgericht Heilbronn Insolvenzanträge gestellt. Hintergrund waren erheblich gestiegene Energie-, Rohstoff- und Personalkosten sowie ein zunehmend schwieriges Marktumfeld. Die Gruppe war auf die Herstellung von Voll- und Graupappe spezialisiert, deren Produktion mit einem hohen Energiebedarf verbunden ist.
Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters Dr. Tibor Braun von der Kanzlei IBK Illig Braun Kirschnek wurden seit der Antragstellung umfangreiche Sanierungsmaßnahmen eingeleitet und erste Gespräche mit potenziellen Investoren geführt. Eine Fortführung der Betriebe sei jedoch letztlich an den Verpflichtungen zur Abgabe von CO₂-Emissionszertifikaten gescheitert.
Konkret geht es um Zertifikate für bereits zurückliegende Emissionen, die das Unternehmen aufgrund seiner finanziellen Schwierigkeiten nicht mehr fristgerecht abgeben konnte. Nach Darstellung des Insolvenzverwalters behandelt die Deutsche Emissionshandelsstelle diese Verpflichtungen als bevorrechtigte Masseverbindlichkeiten und nicht als gewöhnliche Insolvenzforderungen. Dadurch müssten die entsprechenden Beträge vorrangig aus der Insolvenzmasse beglichen werden.
Für die Jahre 2025 und 2026 stehen laut Braun Verpflichtungen in einer Größenordnung von nahezu einer Million Euro im Raum. Potenzielle Investoren seien nicht bereit gewesen, das Risiko einer rückwirkenden Haftung für die fehlenden Zertifikate zu übernehmen. Braun kritisiert die gesetzlichen Regelungen und deren Anwendung deshalb als „sanierungsfeindlich“. Die Emissionshandelsstelle mache sich damit aus seiner Sicht zum „Supergläubiger“ und verhindere eine wirtschaftliche Fortführung der Betriebe.
Auch Geschäftsführer Matthias Kurz äußert deutliche Kritik. Die Beschäftigten hätten in den vergangenen Wochen mit großem Einsatz versucht, die Unternehmen zu retten. Einige von ihnen seien bereits seit Jahrzehnten dort tätig. Dass die Arbeitsplätze nun dennoch verloren gingen, sei für ihn nicht nachvollziehbar.
Die rund 45 Beschäftigten an jedem der beiden Standorte erhalten für Oktober noch Insolvenzgeld von der Bundesagentur für Arbeit. Die emissionspflichtigen Produktionsanlagen wurden am 27. Oktober dauerhaft stillgelegt. Die Eröffnung der eigentlichen Insolvenzverfahren ist für den 29. Oktober vorgesehen.
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