Please wait...
News / Interview: Retten oder Bestatten?
21.07.2008  Wirtschaft
Interview: Retten oder Bestatten?
"Retten, gar keine Frage!", so das eindeutige Statement von Axel Scheufelen gegenüber Druck&Medien. Der Papierhersteller aus Lenningen hatte am gestrigen Donnerstag beim Amtsgericht Esslingen Insolvenz angemeldet (Druck&Medien berichtete).
Als Insolvenzverwalter ist Jobst Wellensiek bestellt, der seit 40 Jahren als prominenter Notarzt kranker Unternehmen bekannt ist. Wellensiek reiste gestern ins Lenninger Tal, um sich vor Ort ein Bild vom Zustand des Unternehmens zu machen. "Ich habe eine intakte Struktur und eine motivierte Belegschaft vorgefunden" zitiert die Stuttgarter Zeitung den 70-jährigen aus Heidelberg.

Heute stellte sich Axel Scheufelen, der zur fünften Generation des Scheufelen-Clans gehört und mittlerweile seit eineinhalb Jahren Mitglied der Geschäftsführung ist, den Fragen von Druck&Medien.

Herr Scheufelen, einen Tag nach der Insolvenzanmeldung machen Sie einen verhältnismäßig gefassten Eindruck.
Natürlich war das ein Schock für die gesamte Belegschaft, doch wir haben allen Grund, positiv in die Zukunft zu blicken. Die Produktion ist heute in vollem Umfang wieder angelaufen. Wir haben für mindestens drei Wochen Aufträge für die Maschinen. Außerdem haben wir durchweg positive Reaktionen der Kunden bekommen, die Belegschaft ist äußerst motiviert und ebenso das Management-Team.

Was genau war der Anlass für die Insolvenz?
Nun, jeder weiß, dass die Energiepreise enorm gestiegen sind. Wir haben seit langem verschiedene Maßnahmen eingeleitet, die diesem Trend entgegenwirken und den Kostendruck auffangen. Allein im vergangenen Jahr haben sich die Energiekosten verdoppelt. Mittlerweile befinden wir uns hier auf einem Niveau, das so hoch ist wie das der Personalkosten. Doch diese Explosion war nicht allein der Grund. Auch die Beeinflussung der Materialkosten spielt hier eine Rolle. Wir haben es nicht geschafft, die Preise am Markt weiterzugeben. Allein im letzten Jahr gingen die Preise um 13 Prozent in den Keller.

Dabei verzeichnen Sie im Premium-Segment zweistellige Zuwachsraten und satte Gewinne.
Stimmt. Wir haben unsere Produktion im Premium-Segment, den Kunstdruckpapieren, deutlich ausgebaut. In diesem Bereich arbeiten wir profitabel mit Zuwachsraten von zuletzt 20 Prozent. Doch rund 84 Prozent unseres Gesamtumsatzes erwirtschaften wir im Standard-Segment für den Bilderdruck. Leider hat das nicht gereicht, die steigenden Energie- und Rohstoffpreise zu kompensieren.

Die Diskussion um die Preise besteht seit Jahren ohne große Veränderung. Der Kostendruck ist nach wie vor nicht entschärft. Weder beim Papier, der Druckfarbe noch bei der Produktion von Printprodukten. Steht die Branche vor einem Kollaps?
Das kann ich nicht beurteilen. Was die Papierhersteller angeht, so ist die Situation überall eng. Der VDP hat neulich in einer Presseerklärung auf die Notwendigkeit der Preiserhöhungen hingewiesen. Sollte dies nicht geschehen, stehen wohl noch mehr Insolvenzen an. Sicher ist, dass Preiserhöhungen kommen müssen und sie werden auch kommen. Das betrifft auch die Farbenhersteller und Druck-Dienstleister.

In Ihrer Pressemitteilung berichten Sie über "aussichtsreiche Verhandlungen mit internationalen Investoren". Vermutlich kommen diese Investoren nicht aus dem Kreis der unmittelbaren Wettbewerber. Handelt es sich um reine Finanzinvestoren?
Ach, das Mutmaßen überlasse ich gerne Ihnen. Sicher ist, dass wir sehr vielversprechende Gespräche mit Finanzinvestoren geführt haben. Auch rechnen wir damit, dass in den nächsten Tagen der ein oder andere Investor aus der Branche anklopfen wird. Aktuell wird sich der Insolvenzverwalter zunächst ein Bild vom Unternehmen machen und alle Möglichkeiten sorgfältig prüfen. Wichtig ist uns ein klares Bekenntnis für den Erhalt des Standortes Lenningen. Wir sehen positiv in die Zukunft sowohl für den Ausbau des Standortes und die Weiterführung des Unternehmens. Wir ziehen alle an einem Strang: Management und Belegschaft und wir sind sicher, dass wir das Unternehmen so nach vorne bringen, den alle Voraussetzungen sind da. Es ist nur schade, dass wir die Schleife durch die Insolvenz gehen müssen.

Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg
. Druck&Medien wird den Prozess verfolgen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Sie wollen immer auf dem Laufenden sein? Bestellen Sie jetzt den Newsletter von Druck & Medien!